Die dünne Haut zwischen Fürsorge und Grausamkeit

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Art.Nr.: 978-3-937439-85-3

Beschreibung

Die dünne Haut zwischen Fürsorge und Grausamkeit
Ludvig Igra

Softcover, 148 Seiten
ISBN: 978-3-937439-85-3

„... Als kleiner Junge habe ich verstohlen und in gebührlichem Abstand wahrgenommen, wie sich die Erwachsenen meiner Umgebung manchmal, wenn es dunkel wurde, zu leisem Gespräch zusammenfanden. Das entfernte Gemurmel enthielt etwas Geheimnisvolles. Die Tonlage ließ mich dunkle, schreckliche Geschehen und Erlebnisse ahnen.
Langsam begann ich zu verstehen, wovon sie sprachen: Dass man kürzlich - ja, das klang, als ob es gestern geschehen sei - versucht hatte, so viele wie möglich von uns zu töten. Es zeigte sich, dass dies so sehr in meiner Nähe vor sich gegangen war, dass man mich schon im Mutterleib hätte töten können. Als Embryo wusste ich natürlich nicht, dass ich in einem jüdischen Mutterleib meine Zeit abwartete oder dass es lebensgefährlich sein könnte, sich da zu befinden. Oder was bekommt ein Embryo mit in diesen letzten Monaten von den Umständen, in die es hineingeboren wird? Als ich gezeugt wurde, gehörte es zum polnischen Alltag, dass Juden gejagt und getötet wurden. Als ich neun Monate später geboren wurde, hatte Deutschland den Krieg verloren und diese Taten wurden jetzt genau so selbstverständlich und plötzlich als Verbrechen angesehen. Die Rechtsvorstellungen waren im Umbruch und nach den Gesetzen, die jetzt gültig wurden, sah ich in meinen mutmaßlichen Mördern Verbrecher.
… Schon das einleitende Kapitel der Bibel berichtet, wie Kain von Neid ergriffen wird, und zwar so stark, dass dieser Neid ihn dazu bringt, seinen Bruder Abel zu ermorden. Danach sind Kain und Abel in jeder Generation wiederauferstanden. Die Fähigkeit des Menschen, Gewalt gegen seinen Mitmenschen anzuwenden, ist schwer zu begreifen und doch selbstverständlicher Teil jedes menschlichen Zusammenlebens.
… Gegen Ende des Krieges hat sich mein Vater in einem kleinen Ort außerhalb Warschaus versteckt. Eines Morgens in aller Frühe wurde klar, dass russische Soldaten den Ort eingenommen hatten. Er war befreit. Zum ersten Mal seit sechs Jahren konnte er sich als ein freier Mann bewegen. Er ging eine Strasse entlang und sah etwa fünfzig gefangene deutsche Soldaten, die auf der Erde saßen, einige erschöpft und mit dem Kopf auf die Hände gestützt. Mein Vater erinnert sich noch heute, dass sie kahlgeschoren waren und dass man sie also am selben Morgen gefangengenommen hatte. Sie wurden von einigen russischen Soldaten bewacht. Einer von ihnen wandte sich an meinen Vater, gab ihm eine Pistole und sagte: „Du weißt ja selbst, was sie mit euch getan haben. Also, erschieß sie!“ Jetzt war es soweit. Zum ersten Mal waren die Rollen vertauscht, und die Peiniger waren meinem Vater ausgeliefert.
Er machte eine Entdeckung: Sechs Jahre lang hatten diese Menschen ihn wie ein Tier gejagt, aber er konnte sie nicht erschießen. „Wie kann man einen wehrlosen Menschen erschießen?“, frug er fünfundfünfzig Jahre später. „Wenn ich das getan hätte, wäre ich wie sie geworden.“ Er gab dem verblüfften russischen Soldaten die Pistole zurück und ging weiter.
Menschlichkeit und Mitgefühl haben die Fähigkeit, sich sogar in den unmöglichsten Situationen zu erkennen zu geben. Ich neige dazu, meinem Vater beizustimmen. In diesem Augenblick, als er vor der Wahl stand, unbewaffnete, wehrlose Menschen niederzuschießen, stand er auch vor der Frage, wer er selbst war. Unter den damals herrschenden Verhältnissen hätte er sich, wenn er geschossen hätte, vor keiner Behörde verantworten müssen. Aber die seelischen Folgen wären verheerend gewesen.
Jeder von uns hat eine persönliche Verantwortung für die künftige Entwicklung, und ich meine, man sollte die Frage stellen und diskutieren: Wie ist es für einen Menschen überhaupt möglich, einen anderen Menschen zu verletzen oder zu töten? Meine Formulierung kann naiv erscheinen, aber ich bin überzeugt, dass die Frage wichtig und fruchtbar ist. Ich glaube nicht, dass der Mensch seine natürlichen, rohen Triebe auslebt, wenn er gegen seine Mitmenschen Übergriffe begeht. Ich meine eher, dass etwas im Menschen übertönt und überwunden werden muss, wenn er Gewalt anwendet und grausam wird. Die Grausamkeit ist nicht in erster Linie ein Instinkt oder ein biologisches Phänomen, sondern eine Erscheinung, die aus der menschlichen Kultur herauswächst... “

Rezension
Die Fähigkeit zur Entmenschlichung ist nichts Unmenschliches.
Der Filmemacher Peter Nestler hat ein Buch des schwedischen Psychoanalytikers Ludvig Igra übersetzt.
Oft macht eine in Fachfragen verstrickte wissenschaftliche oder künstlerische Arbeit die zu Spezialisten Gewordenen blind für die grundlegenden Fragen und Aufgaben ihrer Disziplin. So dürfen Psychologie und Psychoanalyse nicht ausschließlich dazu dienen, ein von der gesetzten Norm abweichendes Verhalten zu erklären, um gleichzeitig die vielen, immer mehr Abweichenden auf neue Normen, die mehr denn je vom Wirtschaftssystem diktiert werden, auszurichten.
Ludvig Igras Buch ist ein persönliches, für jeden verständliches Buch, das wissenschaftlich scheinbar gesicherte Thesen genauso wie die davon abgeleiteten, medial propagierten Allgemeinplätze radikal in Frage stellt. Seine Grundfrage lautet: Woran liegt es, daß – vornehmlich unter den politisch-ideologischen Verhältnissen des Nationalsozialismus, aber auch im Verlauf heutiger gesellschaftlicher Entwicklungen (Kriege, Migration, soziale Einschnitte für einen Großteil der Bevölkerung) – Grausamkeit und Menschenverachtung auf breiter Basis die Oberhand gewinnen können?
Der Übersetzer Peter Nestler hat in seinem 2001/2002 gedrehten Dokumentarfilm Die Verwandlung des guten Nachbarn das Augenmerk von der manchmal fast entschuldigend gebrauchten These des industriellen Mordens stärker auf die persönliche Ebene – wer hilft, wer verrät? – gerichtet. In seinem Film rekonstruiert er mit Igra als Kommentator die Deportations- und Fluchtgeschichte des Sobibór-Überlebenden Thomas Toivi Blatt (Nur die Schatten bleiben, Aufbau-Verlag Berlin 2000). Blatt wurde als 15-Jähriger mit seiner Familie ins Vernichtungslager deportiert. Ein Schulfreund, Familienfreunde und Nachbarn – alle Bauern aus dem Schtetl Izbica – hatten die Familie verraten. Später nach dem Sobibór-Aufstand 1943, waren es ebenfalls polnische Bauern aus Nachbardörfern, die den geflohenen Toivi Blatt (seine Angehörigen waren im Lager umgebracht worden) in lebensentscheidenden Momenten vor den Verfolgern retteten.
Igras 2004 auf Deutsch erschienenes Buch liefert den psychoanalytischen, soziologischen, theologischen und auch aus der persönlichen Erfahrung des Autors gespeisten Hintergrund zu den in Peter Nestlers Film formulierten Thesen. Ludvig Igra wurde 1945 als Kind polnischer Widerstandskämpfer geboren und konnte selbst nur im Versteck und in der Emigration überleben. Seine im Buch vorgetragenen Einwände zielen auf diejenigen Versuche, den Nationalsozialismus zu erklären, die die Bezugnahme auf fortbestehende gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse versperren. Der Autor entkräftet beispielsweise das immer wieder zur Erklärung von neonazistischen Gewalttaten vorgebrachte, bildungsbürgerliche "Werteverlust"-Argument mit einer historischen Richtigstellung: "Die gebildete Elite hat zu der erstaunlichen Effektivität beigetragen, als das Vernichtungsprojekt erstmal in Gang gesetzt worden war. Sie sahen auch zu, daß dieses Projekt seine Energie beibehielt, bis der Krieg praktisch schon verloren war." Als ungeheuerliches Bild in diesem Zusammenhang bleibt der Goethe-/Eckermann-Baum in Erinnerung, den die Erbauer des Konzentrationslagers Buchenwald als "Kulturdenkmal" auf der abgeholzten Fläche stehen ließen.
Nach Igra liegen die Ursachen der millionenfachen Morde tief in der kulturellen Prägung menschlichen Empfindens begründet. Die Kernaussagen seines Buches lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: 1. Es gibt die Möglichkeit der Abspaltung eines Bereichs unseres Gefühlslebens, der Liebe und Anteilnahme. Der nationalsozialistische Täter kann beispielsweise ein liebevolles Familienleben führen und gleichzeitig eine ideologisch dazu bestimmte Personengruppe – die Juden – als vollkommen außerhalb dieses Gefühlsbereichs stehend betrachten und behandeln. 2. Nicht von Natur aus grausame Menschen begehen grausame Taten, sondern die Gewöhnung an eine gesellschaftlich akzeptierte Brutalität lässt Menschen nach und nach grausamer handeln. 3. Eine der furchtbarsten Erfahrungen vieler Überlebender des Holocaust ist die Tatsache, daß sie und ihre Familien nicht nur in anonymen Lagern, sondern oft im Nahkontakt, d. h. von guten Bekannten, Nachbarn – z.B. in der sogenannten Kristallnacht – verraten, geschlagen und misshandelt wurden. 4. Die Fähigkeit zur Entmenschlichung, der sich die Nazi-Propaganda bediente (die Juden wurden zu unmenschlichen Kreaturen, zu Abfall erklärt), ist nichts Unmenschliches, schreibt Igra, sondern eine höchst unheimliche, aber zutiefst menschliche Fähigkeit, ein Potential, das in jedem Einzelnen vorhanden ist. 5. Anteilnahme und Mitgefühl für den anderen sind vorkulturelle, vorbegriffliche Gefühle, d.h.: Sie wirken spontan, ohne vorheriges gedankliches Abwägen, während Grausamkeit immer den Gedanken und die Ideologie benötigt.
In der Argumentation des Autors werden die Entscheidungsmöglichkeiten des Einzelnen weder zu gesellschaftspolitisch noch zu individualpsychologisch vorbestimmten verengt. Igra betont, dass – trotz der "Mehrheit der Menschen, die unter bestimmten sozialen Bedingungen und Gruppenverhältnissen 'autoritäre Persönlichkeitsstrukturen' aufweist" – jeder Einzelne immer wieder die Möglichkeit hat, sich anders zu entscheiden, notfalls gegen die Gesetze zu handeln, Verfolgten zu helfen anstatt selbst zum Verfolger zu werden.
Auch das Festschreiben von gewalttätigen Gefühlen in Kindheit und Familie sieht Igra wesentlich differenzierter und weniger pessimistisch als viele seiner Fachkollegen. Mit Melanie Klein korrigiert er das Freudsche Entwicklungsphasenmodel in Richtung einer Gleichzeitigkeit unterschiedlicher innerer Haltungen – der paranoid-schizophrenen (Sorge um sich) und der integrativ depressiven (Sorge um den anderen) – bei jedem Menschen und in jedem Lebensabschnitt. Narzißmus, Projektion und Analsadismus weist er eindeutig als "Triade der Destruktivität" aus, die in der avancierten Symbolisierungsfähigkeit des Menschen begründet liegt: "Lebensspendende Symbole werden in tyrannische Ikonen verwandelt. Die Vorstellungen des Menschen von der Wirklichkeit werden so aufgefaßt, als hätten sie höhere Würde als die Wirklichkeit selbst".
In ihrer Tragweite geben uns Igras Überlegungen eine Richtung vor, wie die Prämissen heutiger Emanzipationspolitik, heutiger Ideologie-/Bilderproduktion und -Rezeption dringend zu überdenken wären. Seine Arbeit wurde abrupt beendet. Ludvig Igra ist im Mai 2003 im Alter von nur 57 Jahren verstorben. Seine Schriften sind in Deutschland noch wenig bekannt.
Stefan Hayn, Berliner Stadtzeitung 5/2005
*
In Zusammenarbeit mit Ludvig Igra und Thomas Toivi Blatt (der mit fünfzehn Jahren am Aufstand in Sobibor teilgenommen hat), habe ich in Polen einen Dokumentarfilm gedreht, „Die Verwandlung des guten Nachbarn“. Nach Igras unerwartet frühem Tod im Mai 2003 übersetzte ich dieses für meine Filmarbeit ganz entscheidende Buch aus dem Schwedischen ins Deutsche, ohne erst den Auftrag eines Verlags zu suchen. Igras Forschung ist unterbrochen worden. Andere werden sie mit der Zeit weiterführen, aber die Zeit drängt.
Igra war Sohn von Überlebenden, die in Polen Widerstand geleistet hatten. Er selbst überlebte ein Pogrom nach Kriegsende, als kleines Kind bei einer Bäuerin in den Bergen versteckt. Als Psychoanalytiker hat er nachgedacht über die Voraussetzungen und Ursachen der allgemein menschlichen Fähigkeit, bodenlose Grausamkeit zu entwickeln. Igras Arbeit kann uns Einsicht geben – besonders uns Deutschen, die wir als zweite und dritte Generation Kinder und Enkel der zahllosen Täter sind, der Gaffer und der Gleichgültigen, wie auch der nicht so vielen, die widerstanden und den verfolgten Menschen geholfen haben. Wir und die Nachkommen der ganzen europäischen Kollaboration tragen lebenslang diese Last, eine zwar verdrängte und verneinte Last, die aber auf vertrackte Weise unser Leben prägt und bedrückt.
Fast überall in Europa stoßen wir auf den wieder stark werdenden Antisemitismus, auf Fremdenhaß – die erschreckende Möglichkeit des gleichzeitigen Wirkens im Inneren des Einzelnen von Ausgrenzung und Grausamkeit neben der alltäglichen Fürsorge um die Nahestehenden, von eisiger Gleichgültigkeit neben der Liebe.
In meinem Dokumentarfilm bezeichnet Igra dieses gespaltene und abstoßende Verhalten als eben nicht „unmenschlich“, sondern im Gegenteil als sehr »menschlich« und als eine Möglichkeit in jedem von uns.
So ist auch weiterhin und überall der Massenmord und auch der Völkermord denkbar. Igra nennt als Beispiele der jüngsten Vergangenheit Ruanda und die Kämpfe im ehemaligen Jugoslawien. Aber er betont auch die Wahlmöglichkeit jedes Einzelnen. Man habe die Wahl, das unter Umständen Gesetzwidrige und Strafbare zu tun: dem verfolgten Fremden oder dem bedrohten Nachbarn zu helfen.
Peter Nestler, Upplands Väsby, 2004

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